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Sonntag, 05. Februar 2012

Aufmarsch der roten T-Shirts

Protest und Aufmarsch der roten T-Shirts – beide von Thaksin und seinen ‚Freunden‘ mit Geld erkauft: für drei Tage 1‘000 Baht.

In Thailand bereitet zur Zeit nicht das heisse Wetter Sorgen, sondern ein realer Politkrimi: der Protest und Aufmarsch der roten T-Shirts – beide von Thaksin und seinen ‚Freunden‘ mit Geld erkauft: für drei Tage 1‘000 Baht, d. h. umgerechnet ca. sFr. 33 -, die für gestern Mittwoch, 8. April ihren D-Day angekündigt hatten. 100‘000 sollen es gegen den späteren Nachmittag  / Abend nach maximalen Schätzungen der Polizei geworden sein, die sich an vier verschiedenen Orten im Zentrum von Bangkok zu weiteren Kundgebungen versammelt hatten; bleiben wollen sie noch heute Donnerstag und morgen Freitag. Bereits vor zwei Wochen hatten wenige Hundert zu demonstrieren begonnen, indem sie die Strassen um das Regierungsgebäude herum blockier(t)en; dort ist nach wie vor ihr Demonstrationszentrum. Dort erschienen gestern Nachmittag auch zwei Schwestern von Thaksin in roten T-shirts, die sie sich kurz über z. B. eine weisse Bluse angezogen hatten; gemäss Medienberichten von heute Donnerstagmorgen verliessen sie die (Polit-) Bühne aber bereits nach einer Viertelstunde wieder.
 
Thaksin stachelt seine Anhänger mit Video-Phone-Ins vor dem Regierungsgebäude seit zwei Wochen fast täglich neu an, und sie applaudieren ihm (kritiklos?) und betrachten ihn als ihren geputschten und selbst verbannten Führer, den sie als Premierminister zurück haben wollen. Wenn man sie am Fernsehen demonstrieren sieht, hat man den Eindruck, sie wüssten gar nicht genau, was sie zu tun hätten; es macht den Eindruck, für mehrer von ihnen sei das Demonstrieren ein belustigender und eben bezahlter Zeitvertreib. – Thaksin selber sieht dies natürlich ganz anders: Indirekt hat er bereits mehrmals die Monarchie angegriffen, indem er Kritik übt an mehreren Mitgliedern des Thronrates (Privy Council) und ihnen vorwirft, sie hätten 2006 den Putsch gegen ihn als damaligen Premierminister geplant und geleitet. Am vergangenen Sonntag wurden drei Männer verhaftet, denen nachgewiesen wurde, dass sie den Auftrag hatten, ein Mitglied des Thronrates, Chanchai Likhitjittha, am vergangenen Wochenende zu erschiessen: ein Motorradfahrer, ein Killer und ein Mittelsmann, der den Vertrag mit dem Killer machte. Alle drei haben bereits gestanden; der gedungene Killer sagte, ihm habe man 130‘000 Baht für den Mordauftrag geboten, das sind umgerechnet ca. sFr. 4‘300. Insgesamt seien 780‘000 Baht auf ein Konto transferiert worden, also ca. sFr. 26‘000, so die Ermittlungen der Polizei. Als Drahtzieher, auf Englisch ‚mastermind‘, wurde ein Major der Armee/Navy verhaftet, der mit einigen weiteren Offizieren zusammen mit der Ermordung eines Mitglieds des Thronrates die Stimmung vor dem gestrigen D-Day weiter aufwiegeln und anheizen wollte. Heute Donnerstagmorgen wird berichtet, dass zwei weitere Männer im Zusammenhang mit dem Mordkomplott verhaftet wurden. – Chanchai war vor seiner Pensionierung Präsident des obersten Gerichts in Thailand und Justizminister unter der von den Putschgenerälen eingesetzten Regierung.
 
Wir hoffen, dass es auch heute und morgen Freitag heftig regnet und stürmt, wie es dies bereits am Montag und vereinzelt auch am Dienstag und gestern Mittwoch tat, damit sich die Gemüter noch vor Songkran etwas abkühlen können. Zudem wird angenommen, dass wohl nach morgen Freitag viele rote T-Shirts Bangkok verlassen werden, um Songkran in ihren Dörfern feiern zu können. So gesehen hätte Songkran dieses Jahr gar eine politische Bedeutung.
 
Vom Parlamentspräsidenten wurde auch erwähnt, dass vielleicht nach Songkran ein Mediator/Vermittler sich zu Wort melden werde, der zwischen den verschiedenen Gruppierungen in der thailändischen Gesellschaft zu vermitteln versuchen werde. Wer dies sein könnte, ist dann ein Rätsel, wenn man nicht annimmt, dass sich vielleicht der König selber zu Wort melden wird. Denn gemäss dem deutschen Sprichwort: „Man schlägt den Sack und meint den Esel“ gelten ja Thaksins verbale Angriffe gegenüber Mitgliedern des Thronrates als Angriffe auf den König bzw. die Monarchie. Thaksin beteuert natürlich, dass er dem König treu ergeben sei; dies glaubt ihm aber auch einer seiner früheren engsten Freunde nicht, Newin Chidchob, ein Sohn des Parlamentspräsidenten. Dieser hatte ihm seine Treue bereits im vergangenen Dezember aufgekündigt, als er mit einer von ihm geleiteten Gruppe von Parlamentariern in eine Koalition mit den Demokraten einstieg und so den Demokraten als Oppositionspartei die Regierungsbildung ermöglichte. Newin Chidschob richtete sich am vergangene Dienstag über Radio- und verschiedene Fernsehstationen an die thailändische Bevölkerung. Mit zum Teil stockender und weinerlicher Stimme forderte er Thaksin auf, der Monarchie gegenüber loyal zu sein und diese nicht noch weiter zu verunglimpfen sowie seine Anhänger nach Hause zu beordern.
 
Thaksins Antwort auf Newin Chidchobs Auftritt in einem weiteren Video-Phone-In am Dienstagabend war: „Ich habe heute Nachmittag eine Soap-Opera gesehen. Dort machten sie aus dem Narren einen Helden, und sie liessen den Narren dem Helden eine Lektion erteilen.“ Seine Loyalität der Monarchie gegenüber sei seit seiner Kindheit in seinem Blut, so Thaksin wörtlich im erwähnten Video-Phone-In vom Dienstagabend. Eine solche Aussage, die Thais hätten die Monarchie seit Geburt in ihrem Blut, hörte ich auch bereits im Dezember 2007 am Seminar „Religion and Democracy in Thailand“, und zwar von einem Philosophieprofessor und damals Vorsteher der Philosophiefakultät an der Assumption Universität. Als in Europa ausgebildeter Philosophielehrer sind mir natürlich solche Aussage nicht nur politisch sehr suspekt und unkorrekt, sondern philosophisch unzulässig. Wer wir als Mensch sind und wie wir als Menschen handeln, dies liegt nicht in unserem Blut bestimmt, sondern dies haben wir selber zu verantworten.
 
Thaksin hatte in einem seiner ersten Video-Phone-Ins – von denen man übrigens munkelt, sie würden zum Teil von Kambodscha aus, ganz in der Nähe der Grenze zu Thailand von Thaksin live aufgenommen und über Satellit ausgestrahlt – für den gestrigen 8. April einen „roten Tsunami“ angekündigt und von der „Revolution des Volkes“ gesprochen. Solche Äusserungen lassen einem wirklich an seiner Loyalität gegenüber der Monarchie zweifeln. Selbstverständlich hängt bei seinen Video-Phone-Ins immer die thailändische Flagge an der Rückwand, und vor dem Rednerpult prangt vereinzelt der Spruch: „Thailand needs Change“. Damit vergleicht sich Thaksin mit Obama; schon öfters hat er sich auch mit Nelson Mandela verglichen, der viele Jahre in Südafrika auf einer Insel im Gefängnis inhaftiert war. Thaksin sieht sich, in seiner vor dem Zugriff der thailändischen Justiz selbst gewählten Flucht ins Ausland, wie als ein gefangener Mandela. Was er aber unausgesprochen lässt ist, dass er, wie Mandela, dereinst der erste Präsident der Republik Thailand sein möchte, in der – wie in Frankreich – die Monarchie ganz abgeschafft ist, und nebst dem Präsidenten ein ihm ergebener Premierminister und eine ebensolche Regierung die politischen Geschäfte in Thailand leiten würde. - Sein Spruch „Thailand needs Change“ wurde in der englischsprachigen Zeitung The Nation wie folgt „ins Thailändische“ übersetzt: „I want to have my money back. - Ich will mein Geld zurück haben.“ 76 Billionen Baht hat die von den Putschgenerälen Ende 2006 eingesetzte Regierung an Thaksin-Geldern auf mehr als einem Dutzend thailändischer Banken sowie bei der UBS in der Schweiz und bei Banken in England einfrieren lassen; in sFr sind dies umgerechnet ca. 2,5 Milliarden. Die Justizbehörden gehen davon aus, dass dieses Geld eben nicht Thaksin-Geld ist, sondern dem thailändischen Staat gehört, von dem es Thaksin selbstherrlich und zum Teil auf korrupte Weise während seiner fünfjährigen Zeit als Premierminister (2001 – 2006) entwendet haben soll; dies nachzuweisen bedarf es mehrere Gerichtprozesse, die erst dann statt finden können, wenn Thaksin als Angeklagter persönlich vor Gericht erscheint. Viele Richter arbeiten seit mehr als zwei Jahren intensiv daran, Beweise beizubringen, um Thaksin in weiteren Fällen anklagen und verurteilen zu können. (Bisher ist er rechtskräftig zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt; durch seine Flucht ins Ausland im Anschluss an die Eröffnung der olympischen Spiele in Peking im Sommer 2008, versucht Thaksin seiner Gefängnisstrafe zu entkommen.)
 
Gestern Mittwoch haben, gemäss Medienberichten, die von Thaksin geschiedene Frau Pojaman, sowie ihre drei erwachsenen Kinder – mit sehr vielen Gepäckkoffern - als auch sein Schwager Somchai, der Ende September bis anfangs November 2008 Premierminister war, zusammen mit einer von Thaksins Schwestern als seiner Frau Thailand in Richtung Dubai oder Hongkong oder England oder Brunei verlassen; Thaksins ehemalige Frau, Pojaman, darf nach wie vor nicht in England einreisen. Trifft hier das deutsche Sprichwort zu: „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“? – Thaksin führt sich in den letzten Wochen wie ein Wahnsinniger auf, was in den Medien und in Kommentaren auch so benannt wird, wie einer, der auf Gedeih und Verderben zurück an die Macht will. In seinen Worten heisst dies: „Zurück auf Feld eins“, d. h. zu den politischen Zuständen, wie sie vor dem Putsch im September 2006 waren.  
 
Für Tharinee und mich ist das Songkran- und Osterfest mit der Hoffnung verbunden, dass Thailand ohne Gewalt durch dieses (neue) Jahr findet, obwohl das Gewaltpotential latent vorhanden ist und sehr schnell blutige Realität werden kann. Thaksin gebärt sich wie Napoleon, und als Kaiser – nicht nur Premierminister oder König – möchte / will er als im Exil lebender Oligarch nach Thailand zurückkehren: Das wäre in der Tat ein roter Tsunami, im mehrfachen Sinn des Wortes ‚rot‘, der mehrere hundert Revolutionsopfer in der thailändischen Gesellschaft fordern könnte. Von einem „roten Tsunami“ hat Thaksin in einem seiner Video-Phone-Ins gesprochen, wie ich bereits erwähnt habe. Gehofft hatte er, dass bis gestern Mittwoch 500‘000 und mehr Red T-Shirts als seine treuen Anhänger nach Bangkok kommen und die seit etwas mehr als drei Monaten sich im Amt befindliche Regierung unter der Führung der Demokraten von der Bühne fegen würden. Diese seine Hoffnung hat sich bis heute Donnerstagmorgen mit maximal geschätzten 100‘000 roten T-Shirts nicht erfüllt. Und Tharinee und ich hoffen sehr, dass sie sich auch nicht erfüllen wird, denn politisch gesehen gibt es zur Zeit für Thailand wohl keine wirklich gangbaren und gelingenden Alternativen als die Koalition jener, die versuchen, Thailand aus der welt-wirtschaftlichen Rezession heraus und vom politischen Abgrund und der noch weiteren Entzweiung der Gesellschaft wegzuführen.
 
Thaksins Tage auf der Flucht könnten demnächst wohl auch ein Ende finden. In immer weniger Ländern wird er zugelassen; das Aussenministerium informiert unablässig eigene und ausländische Botschaften über die Machenschaften von Thaksin, damit ihm weitere Zufluchtsorte geschlossen werden. .- Und verschiedene Unternehmer haben seit Beginn der Woche ein Kopfgeld von einer Million Baht auf Thaksins Festnahme als Belohung ausgesetzt, was ca. sFr. 33‘000 entspricht; diese Summe ist bis heute Donnerstagmorgen schon auf über 2 Millionen Baht verdoppelt worden.
Von Guido Baumann in Bangkok

10.04.2009 19:17 Alter: 3 Jahre